Wieso das Attentat von Hanau ein Angriff auf Deutschland war

Yasin Baş yazdı:
Yasin Baş yazdı:

In der Nacht auf den 19. Februar 2020 erlebte Deutschland einen seiner grauenvollsten Tage. Durch ein Attentat auf zwei Shishabars starben neun Jugendliche. Später erschoss der Täter auch seine deutsche Mutter. 

Die Opfer waren Deutsche

Dieser Anschlag war in mehrfacher Hinsicht ein Angriff auf Deutschland. Denn bei den Ermordeten handelte es sich um deutsche Jugendliche. Auch wenn manche von ihnen Vorfahren hatten, die vor Jahren und Jahrzehnten aus anderen Ländern nach Deutschland eingewandert waren, es waren Deutsche. Sie hießen: Fatih, Sedat, Gökhan, Vili, Kaloyan, Mercedes, Ferhat, Hamza, Said und Gabriele. Man mag denken, diese Namen hören sich gar nicht so deutsch an. Das ist leider ein Trugschluss. Es mag an uns vorbeigegangen sein: Deutschland ist in den letzten 60-65 Jahren so vielfältig und bunt geworden, dass genau diese Namen mittlerweile deutsche Namen sind. Zumindest müsste die Gesellschaft so weit sein, diese Namen als einheimisch und nicht fremd zu akzeptieren. Leider ist die Realität eine andere. Manche Menschen wollen oder können dies nicht wahrhaben. Sie können natürlich weiterhin so denken. Das ist ihr Recht. Aber Deutschland entwickelt sich weiter. Wir leben nicht im 18. Jahrhundert, wo der Austausch von Waren, Dienstleistungen und Menschen begrenzt war. Genauso wie Alexander, Marvin und Tobias oder Marie, Julia und Sandra gehören auch Fatih, Mehmet, Andrzej, Lorenzo, Amira, Fatma, Allegra, Ljudmila, Amelia und Ylva zu Deutschland. Das sind inzwischen auch deutsche Namen. Daran müssen wir uns nicht nur gewöhnen, wir müssen dies auch als Normalität auffassen. Viele Menschen in unserem Land, zum Teil auch Politiker*innen und Medienvertreter*innen, halten die Opfer von Hanau immer noch für „Migranten“. Solange sich diese Einstellung nicht ändert, werden wir es nur schwer schaffen, eine gesellschaftliche Einheit gegen Rechtsextremismus und Rassismus zu bilden. Dann haben es die Menschenfeinde leicht, uns gegeneinander aufzuwiegeln und zu spalten. Lassen Sie uns diese Fragen stellen: Was sehen wir als fremd an und wieso betrachten wir etwas als fremd? Was sehen wir als einheimisch an und nach welchen Kategorien tun wir das? Eine gesellschaftliche Einheit muss zuerst in den Köpfen stattfinden. 

Angriff auf die gemeinsamen Werte

Des Weiteren waren die Morde von Hanau ein Angriff auf Deutschland, da sie sich gegen die gemeinsamen Werte, das gesellschaftliche Miteinander und den Frieden richteten. Hanau sollte ein Wendepunkt in der jüngeren Geschichte unseres Landes sein. Auch wenn es sich möglicherweise etwas paradox anhören mag: Hanau kann auch als eine Chance begriffen werden. Es kann eine Chance sein für ein besseres Miteinander. Es kann eine Chance sein, Vielfalt als Normalität zu begreifen. Und es kann eine Chance sein, nicht nur nach „Wir“ und „Ihr“, nach „die Deutschen“ und „die Migranten“ zu unterscheiden. Wenn wir so weit kommen, werden es die Polarisierer und Menschenfeinde sehr schwer haben. Lassen Sie uns diese Chance, die durch das Attentat von Hanau entstanden ist, nutzen. Denn wenn wir diese Chance nutzen, werden es die Rassisten und Rechtsextremisten umso schwieriger haben, mit Angst und Gewalt unsere freie Gesellschaft zu spalten und unser demokratisches System auszuhöhlen. Ein Jahr nach Hanau müssen wir erst recht wachsam bleiben: Denn Neo-Nazis, Rassisten und Menschenfeinde entwickeln sich nicht urplötzlich zu Verbrechern. Sie haben ein soziales, berufliches und familiäres Umfeld. Sie sind Mitglieder in Vereinen und Organisationen. Sie kommen nicht nur aus den Rändern, sondern aus der gesellschaftlichen Mitte. Und um diese Mitte müssen wir uns als demokratische Gesellschaft sorgen. Diese Mitte dürfen wir nicht den Spaltern überlassen. 

Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Übersetzer, Berater, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?“, „nach-richten: Muslime in den Medien“, sowie „Medien in Deutschland: Eine Analyse der Printmedien, visuelle- und Onlinemedien sowie eine Kritik an dem Mediensystem“.